
Kinderkunst oder Spuren von Freiheit und Kreativität
Eindrücke von der Finissage am 25.05.07 im Mittelstandszentrum Tauberfranken GmbH
Wer in den letzten Wochen durch das helle Foyer des Mittelstandszentrums ging, kam nicht an dem Farbenmeer vorbei, das ihn dort in der Form einer Gemäldeausstellung erwartete. Bilder waren ausgestellt, bunte Bilder – in allen Farben des Regenbogens, dominiert von natürlichen Blautönen, von Grün und freundlichem Rotgelb. Erst beim näheren Hinsehen wurde der Betrachter darauf aufmerksam, dass es wohl Kinderkunst war, die sich ihm darbot, oder zumindest Kreationen aus Kinderhand, die von viel Phantasie und Begeisterungsfähigkeit zeugten. Nach vier Wochen Kunstgenuss geht die Ausstellung am Donnerstag zu Ende. War das nun Kunst, was da ausgestellt wurde? Und wie ging man damit um? Wie nahm der Einzelbetrachter die kunstvoll gestalteten Werke auf, die vielleicht gar keine Kunst sein wollten?
Bei der Vernissage Anfang Mai war dazu bereits einiges gesagt worden. Bernd Schepermann, der Initiator der Aktion und geistiger Kopf der Ateliers UNARTIG, aus dem die Kinderkreationen stammen, hatte seine Konzeption im Vorfeld umrissen. Bevor er diesmal deutlicher wurde, ging MTF- Geschäftsführer Manfred Schwab in seiner Begrüßungsrede auf die Intentionen der Ausstellung ein. Schwab sprach, ohne den Ausgangspunkt des Initiators näher zu kennen, über Kunstrezeption im Allgemeinen und ging dabei auf den Umgang mit Kunst ein, die aus Kinderhand stammt.
Jede Kunst, die nicht ausdrücklich als art pour l’art konzipiert worden sei und sich als solche verstehe, richte sich an ein Publikum und sei auf Rezeption angewiesen. Kunst werde oft nur passiv aufgenommen, was sich im bloßen Betrachten vollziehe, nur selten auf aktive Art, die zu einer denkerischen Auseinandersetzung mit der Kunst führe, zu einem Nachdenken über Kunst und über ihren Sinn
Während dieser Ausstellung war überhaupt gut zu studieren, dass Erwachsene Kunst anders aufnehmen als Kinder. Kinder reagieren, fern von jedem Kunstverstand, viel spontaner und unmittelbarer, indem sie direkt und ungezwungen auf das Kunstwerk zugehen und sich mit ihm auf ihre Art auseinandersetzen, nicht immer im Einklang mit den Erwartungen der Erwachsenen.
Schwab hatte zufällig am Rande der Ausstellung eine Erzieherin beobachtet, die zwei kleine Buben aufforderte, rücksichtsvoller mit den artig präsentierten Bildern aus dem Atelier Un-artig umzugehen? Ein lustige, doch vielsagende Begebenheit! Den Kindern sollte doch über die Ausstellung eigentlich eine Form von Kunst nahe gebracht werden, das Malen, der gewählten Umgang mit Farben. Statt dessen wurden sie zurückgepfiffen!
Was hatten sich die Kleinen geleistet, um so zur Raison gerufen zu werden, während alle anderen aus der Kindergartengruppe brav die ausgestellten Gemälde bestaunten? Hatten sie vielleicht die Exponate aus der Künstlerwerkstatt „Un- Art- ig“ zu wörtlich interpretiert? Oder hatten sie vielleicht nur auf ihre Weise aktive Kunstrezeption betrieben, indem sie das eine oder andere Kunstobjekt der endgültigen Vollendung zuführen wollten?
Unartig sein impliziert Freiheit, gestalterische Freiheit – und einen freien Umgang mit der Kunst. Wenn Un-art-ig sein ein Programm ist, wo endet da die Freiheit? Und wo setzen ethische Beschränkungen ein, die das Kind noch lernen muss?
Vermutlich hatten sich die gescholtenen Kleinen nicht nur aktiv, sondern sogar konkreativ beteiligen wollen, fasziniert von den Farben, den Rahmen und dem Glas, das die Werke vor unbeabsichtigten Zugriffen schützte? Solche Gedanken drängten sich auf. Jedenfalls verdeutlichte diese Momentaufnahme wieder die bekannte Tatsache, dass Kunst provoziert und dass Kunst wirkt. Damit hat diese Ausstellung, die nicht nur Kinder begeisterte, mit Sicherheit ihr Ziel erreicht. Die zahlreich erschienenen Gäste bei der Schlussveranstaltung bezeugten, dass dies in hohem Maße gelungen sei, betonte Schwab.
Wie aus den anschließenden Ausführungen von Initiator Schepermann deutlich wurde, hatte der Begrüßungsredner einige konzeptionelle Linien treffend erkannt und vorweggenommen.
Der Initiator wandte sich speziell an die anwesenden Eltern, die ihren Kindern ein Austoben im Kinderatelier Unartig erlauben und vertiefte in dem Kontext den künstlerisch-pädagogischen Ansatz seines Projektes. Er verwies darauf, dass es vorerst überhaupt nicht auf Kunst ankomme, sondern vielmehr auf unmittelbare Kreativität, auf freie Entfaltung. Wenn dabei ein Kunstwerk entstehe, dann sei dies ein schönes Nebenprodukt. Wichtig sei allerdings der schöpferische Akt selbst, der befreiend wirke und den Kindern die Möglichkeiten der künstlerischen Entfaltung offen lege. Der Wille, ein Kunstwerk schaffen zu wollen, das den Erwachsenen gefalle, determiniere die Kinder zu sehr und hemme ihre kreative Freiheit. Sie lernen, gefallen zu wollen und legen sich dabei selbst fest, indem sie ein Werk schaffen, das gefällt.
Statt einer Vorab-Festlegung plädiert Schepermann für einen spielenden, für einen experimentellen Zugang zu den Künsten. Dahinter steht die Vorstellung vom Homo ludens, der wesensgemäß existiert und in der Eigentlichkeit lebt, indem er seinem Spieltrieb folgt. Die Freiheit des Kindes soll also nicht beschnitten, nicht durch Vorgaben gehemmt werden. Das Kind soll sich frei entfalten dürfen. Das ist ein künstlerisch wie pädagogisch-psychologisch sehr interessanter Ansatz.
Die Techniken, Kunstwerke zu produzieren, erlernen die kleinen Kunstschaffenden so ganz nebenbei, indem sie nachmachen und selbst erfinden. Dem künstlerischen Schaffensantrieb vorgelagert ist der von Schepermann hervorgehobene Drang des Kindes, Spuren zu hinterlassen. Dort, wo es lebt, wo es wirkt, hinterlässt das Kind Spuren, die später auch Kunstwerke sein können.
Die ausgestellten Bilder folgen einem Thema, das einem Kunstmärchen aus der Feder des Initiators entnommen ist: Apfelfisch trifft Blaukrautbaum! Eine zungenbrecherische Thematik mit Gewöhnungsbedarf für Erwachsene, doch aus der Perspektive der Kinder sieht alles anders aus.
Sie greifen eine Idee auf, formen daraus neue Themen und gestalten sie in Farben mit den ihnen möglichen Kunsttechniken. Die Resultate sind gut sichtbar. Einige davon wurden während der Veranstaltung versteigert.
Schwab hatte die konventionelle Kunstrezeption der Erwachsenen bereits angesprochen. Schepermann akzentuierte darüber hinaus gehend den unkonventionellen, nonkonformistischen und freiheitlichen Zugang und Umgang der Kinder mit dem Element Kunst, das sich diesmal in der Welt der Farben vollzog, während die Musik nur einen Rahmen der gelungenen Veranstaltung bildete.
Mit begeisterten Worten würdigte Stadtrat Karl Zeller abschließend das Projekt. Er sprach im Namen des Bad Mergentheimer Oberbürgermeisters Dr. Lothar Barth, den er vertrat. Die Stadt Bad Mergentheim steht den Aktivitäten aus dem Kinderatelier unARTig sehr wohlwollend gegenüber. So ist geplant, im Rahmen der 950-Jahrfeier der Stadt einen Gemäldewettbewerb auszutragen, an dem sich voraussichtlich auch die Bad Mergentheimer Partnerstädte aus Frankreich, Italien und Japan beteiligen werden. Die Einladungsschreiben zu der geplanten Kinderkunstveranstaltung werden gerade über die Stadtverwaltung auf den Weg gebracht.
Die Gemäldeausstellung im MTF, eine Ausstellung von Kindern für andere Kinder, die auch viele Erwachsene begeistert hat, war mit Sicherheit ein großer Erfolg. Es ist zu wünschen, dass die Konzeption Schepermanns aufgeht und - im Interesse der aktiven Kinder - weitere Früchte trägt.
Bereitgestellt von:
Mittelstandszentrum Tauber-Franken GmbH_gruppe